Gefahren werden laut Medien immer übersehen aber nie überhört: Warum Hören in der Verkehrssicherheitsdebatte fehlt – obwohl die Statistik direkt darauf zeigt.
Ein Beitrag aus unserer Serie „Hören im Straßenverkehr” – von Evelyn Fischer, hear CUBE Hamburg.
Die Zahl, die mich Ende April nicht losgelassen hat, stammt aus Wiesbaden. Das Statistische Bundesamt hat gemeldet: Im Jahr 2025 sind 462 Radfahrer im Straßenverkehr ums Leben gekommen, 3,8 Prozent mehr als im Vorjahr. 217 davon – fast die Hälfte – saßen auf einem Pedelec, also einem E-Bike. 61,5 Prozent aller tödlich verunglückten Radfahrer waren 65 Jahre oder älter. Bei den getöteten Pedelec-Fahrern lag dieser Anteil sogar bei 67,3 Prozent.
Im Norden ist das Bild noch deutlicher. In Niedersachsen sind 2025 insgesamt 63 Fahrradfahrer tödlich verunglückt – 28 Prozent mehr als im Vorjahr. 33 von ihnen waren auf einem Pedelec unterwegs. Von den 63 Getöteten waren 41 Senioren. Das sind Zahlen aus unserer Nachbarregion, in einem Verkehrsraum, in dem viele meiner Hamburger Kunden täglich unterwegs sind.
Diese Meldungen sind in fast allen großen Tageszeitungen gelandet, meist mit dem erwartbaren Fokus auf Helmpflicht, Radwege-Ausbau und Türwarnsysteme. Was in der Berichterstattung praktisch nie vorkommt: Hören. Dabei gibt es einen direkten, gut belegten Zusammenhang zwischen Hörminderung und Sicherheit im Straßenverkehr – und die EuroTrak-Studie 2025, die größte repräsentative Hörstudie in Europa, hat ihn in eindrucksvolle Zahlen übersetzt.
Wer Unfallberichte aus der Lokalpresse liest, erkennt schnell ein Muster. Es heißt regelmäßig: ‚Der Fahrer hatte den Radfahrer übersehen.’ Das Wort ‚überhört’ habe ich in einem Polizeiprotokoll noch nie gelesen.”
Evelyn Fischer, Inhaberin und Hörakustik-Meisterin, hear CUBE Hörgeräte Hamburg
„Übersehen“, aber nie „überhört“
Wer Unfallberichte aus der Lokalpresse liest, erkennt schnell ein Muster. Ein Pedelec-Fahrer, 78 Jahre, kollidiert mit einem abbiegenden Lkw – „der Fahrer hatte den Radfahrer übersehen“. Eine Seniorin auf dem Rad wird von einem Pkw erfasst – „Autofahrerin übersehen“. Ein älterer Mann fährt an einer Einmündung in einen Pkw – „die Vorfahrt missachtet“. In keiner dieser Standardformulierungen taucht das Wort „überhört“ auf.
Die Tagesschau brachte ihren Bericht zur aktuellen Statistik mit einem Video-Beitrag, der die Hauptursache für tödliche Fahrradunfälle benennt: der tote Winkel beim Abbiegen. Das ist fachlich richtig – und es zeigt zugleich, wie einseitig wir das Problem oft denken. Der tote Winkel wird ausschließlich als visuelles Problem beschrieben: Der Lkw-Fahrer sieht den Radfahrer nicht. Was dabei kaum diskutiert wird: Ein gut hörender Radfahrer könnte den Lkw oft schon hören, bevor er ihn sieht – das tiefe Motorengeräusch, das Bremsen, das Klicken des Blinkers. Wer diese Signale nicht mehr wahrnimmt, hat in genau der Sekunde, in der es darauf ankommt, eine Wahrnehmungslücke. Sehen und Hören müssten beim toten Winkel zusammen gedacht werden. In der öffentlichen Debatte werden sie das nicht.
Polizeiprotokolle rekonstruieren Unfälle anhand von Spuren, Sichtachsen, Spiegelnutzung, Lichtverhältnissen. Das Gehör des Beteiligten ist – soweit ich es überblicke – kein Standardpunkt der Unfallaufnahme. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein älterer Pedelec-Fahrer eine unbehandelte Hörminderung hat, statistisch erheblich. Eine im Lancet veröffentlichte Auswertung der Global Burden of Disease Study, die als Grundlage des WHO-Welthörberichts 2021 dient, zeigt, dass die Prävalenz mittlerer oder stärkerer Hörverluste von rund 13 Prozent bei 60-Jährigen auf über 58 Prozent bei 90-Jährigen ansteigt. Die Weltgesundheitsorganisation selbst gibt an, dass weltweit über 25 Prozent der Menschen ab 60 Jahren von einer behindernden Hörminderung betroffen sind – also einem Hörverlust von mehr als 35 Dezibel im besser hörenden Ohr.
Es geht hier nicht darum, einzelne Unfälle nachträglich zu erklären. Es geht darum, dass der Faktor Hören in der Verkehrssicherheitsdebatte praktisch nicht vorkommt, obwohl er in jeder anderen Lebenssituation – Gespräche, Fernsehen, soziale Teilhabe – mittlerweile selbstverständlich diskutiert wird. Genau diese Lücke möchte ich mit dieser Artikelserie schließen helfen.
Warum Hören im Verkehr eine größere Rolle spielt, als wir glauben
Wir denken beim Radfahren oder Autofahren reflexhaft ans Sehen. Tatsächlich ist Hören im Straßenverkehr aber ein eigenständiger Sicherheitskanal – einer, der oft schon eine Sekunde früher informiert als das Auge. Das herannahende Auto auf der Nebenstraße, das man hört, bevor man es sieht. Das Klingeln eines Fahrradfahrers von hinten. Das Hupen, das warnt. Das Martinshorn, dessen Richtung man einschätzen muss, um eine Gasse zu bilden.
Räumliches Hören – also die Fähigkeit, eine Geräuschquelle zu lokalisieren – funktioniert nur mit beiden Ohren. Wer einseitig schlecht hört oder unversorgt mit beidseitigem Hörverlust unterwegs ist, hört vielleicht noch dass etwas passiert, aber nicht mehr zuverlässig woher. Im Stadtverkehr kann das den entscheidenden Bruchteil einer Sekunde ausmachen. Genau diese Fähigkeit ist es übrigens, die in der polizeilichen Unfallrekonstruktion am schwersten zu prüfen ist. Ein eingeschränktes Sehfeld lässt sich vermessen. Eine fehlende oder verzögerte räumliche Hörwahrnehmung lässt sich im Nachhinein praktisch nicht mehr feststellen – und sie wird in der Regel auch nicht gesucht.
EuroTrak-Hörstudie Deutschland 2025: Was Hörgeräte im Verkehr leisten
- 75 % der Hörgeräteträger fühlen sich beim Fahrrad- und E-Bike-Fahren sicherer als ohne Geräte.
- 73 % fühlen sich beim Autofahren sicherer.
- Im Vergleich zu 2022: +9 Prozentpunkte beim Radfahren – parallel zur Verbreitung leiserer E-Fahrzeuge und leistungsfähigerer Hörgeräte.
Quelle: EuroTrak Deutschland 2025 – die größte repräsentative Hörstudie Europas (n = 13.445).
E-Mobilität verschärft das Problem – aus zwei Richtungen
Die Statistik zeigt einen Anstieg, der sich nicht durch Zufall erklären lässt. 2015 starben 36 Menschen auf einem Pedelec im Straßenverkehr. 2025 waren es 217 – das ist eine Versechsfachung in zehn Jahren. Natürlich gibt es heute mehr E-Bikes als 2015. Aber der Anstieg ist auch absolut betrachtet erheblich. Kirstin Zeidler, Leiterin der Unfallforschung beim Gesamtverband der Versicherer, erklärte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, schwerere Pedelecs mit stärkerer Beschleunigung seien schwieriger zu kontrollieren, bei Stürzen seien die Verletzungen Älterer in der Regel schwerer.
Das ist der eine Faktor: Senioren auf schwereren, schnelleren Rädern. Der zweite Faktor wird seltener besprochen: Diese Räder sind selbst leise, und sie bewegen sich in einem Verkehrsraum, in dem auch immer mehr andere Fahrzeuge leise sind. E-Autos im niedrigen Geschwindigkeitsbereich, E-Roller, E-Lastenräder. Was als Fortschritt für Lärmbelastung und Klima gilt, ist für schwerhörige Menschen eine zusätzliche Hürde. Ein heranfahrendes E-Auto ist bei Tempo 30 selbst für gut Hörende kaum wahrnehmbar. Für jemanden mit unversorgtem Hochtonverlust – der häufigsten Form der Altersschwerhörigkeit – ist es praktisch unhörbar.
Eine zweite Ebene: schnellere Senioren in einem leiseren Verkehrsraum
Bisher habe ich vor allem aus der Perspektive des potenziellen Opfers argumentiert: der Pedelec-Fahrer, der das herannahende Auto nicht hört. Tatsächlich ist die Sache aber zweischneidig. Hörminderung wirkt in beide Richtungen – als Fußgänger, als Radfahrer, als Autofahrer. Wer im Auto sitzt und ein Martinshorn erst spät wahrnimmt oder das Klingeln eines Radfahrers von hinten überhört, hat dieselbe Wahrnehmungslücke, nur in einer anderen Rolle.
Hinzu kommt eine Veränderung, die bisher kaum öffentlich diskutiert wird: Viele Senioren sind heute nicht nur überhaupt wieder mit dem Fahrrad unterwegs – sie fahren mit Tretunterstützung bis 25 km/h. Das ist deutlich schneller, als man sich Senioren auf dem Rad noch vor zwanzig Jahren vorgestellt hat. Wer mit 25 km/h auf eine Kreuzung zufährt, hat einen anderen Bremsweg, eine andere Reaktionsanforderung und eine andere Kollisionsenergie als jemand, der mit 12 oder 15 km/h fährt. Gleichzeitig sind die elektrisch betriebenen Fahrzeuge ringsherum deutlich leiser als ihre Vorgänger. Beides zusammen ergibt eine Gemengelage, die der Verkehrsraum so noch nicht kannte: schnellere Senioren auf leiseren Fahrzeugen in einem leiseren Verkehrsumfeld.
Genau dafür sollte ein öffentliches Bewusstsein entstehen. Nicht um Schuld zu verteilen, sondern um Unfälle zu verhindern.
Im zweiten Teil dieser Serie geht es darum, was sich aus diesen Beobachtungen ableitet: Wann beginnt eine Hörminderung wirklich, warum kommt die Versorgung oft zu spät, und was können moderne Hörgeräte heute tatsächlich leisten – auch im Straßenverkehr.
Quellen: Statistisches Bundesamt (Destatis), Pressemitteilung Nr. N025 vom 27. April 2026 • Niedersächsisches Ministerium für Inneres, Sport und Digitalisierung, Verkehrsunfallstatistik 2025, vorgestellt am 13. April 2026 • Tagesschau, „Verkehrsstatistik 2025 – Jeder sechste Verkehrstote war Radfahrer“, 27.04.2026 • EuroTrak Deutschland 2025 • WHO Fact Sheet „Deafness and hearing loss“ • GBD 2019 Hearing Loss Collaborators (2021), The Lancet
Räumliches Hören kann man testen
Wer wissen will, ob das eigene räumliche Hören noch vollständig funktioniert, kann das in einer Viertelstunde überprüfen lassen. „Ein Hörtest kostet bei uns nichts und verpflichtet zu nichts”, sagt Evelyn Fischer. „Wer im Verkehr unterwegs ist – egal ob mit dem Auto, dem Pedelec oder zu Fuß – sollte das mindestens einmal im Leben gemacht haben. So wie den Sehtest beim Optiker auch.
Machen Sie den ersten Schritt – kostenlos und in nur 5 Minuten
Sie müssen für eine erste Einschätzung nicht gleich einen Termin vereinbaren. Unser kostenloser Online-Hörtest zeigt Ihnen unverbindlich, ob sich ein genauerer Blick lohnt – in fünf Minuten, ohne Anmeldung, direkt von zu Hause.
Kostenloser Hörtest in Hamburg
Drei Generationen Hörakustik aus Hamburg
Bei hear CUBE ist das Thema Hören Familiensache. Evelyn Fischer führt gemeinsam mit ihrem Mann, Johannes Fischer, mehrere hear CUBE Fachgeschäfte. Die Hörakustik ist ebenso sein zuhause wie die die Hansestadt Hamburg. „Mein Großvater hat das Unternehmen Hansaton in Hamburg gegründet, mein Vater war ebenfalls in der Branche, ich seit über 20 Jahren”, sagt Johannes Fischer. „Wir kennen die Hörakustik aus drei Generationen – und wir wissen, was Hamburger Kunden brauchen: jemanden, der zuhört und sich Zeit nimmt, kein Schnellverfahren.”
Einfach. Besser. Hören.
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