„Wenn das Ohr verlernt hat zu hören“ – warum Hörversorgung früher beginnen sollte, als die Krankenkasse es zulässt

Ein Beitrag aus unserer Serie „Hören im Straßenverkehr” – von Evelyn Fischer, hear CUBE Hamburg.

Im ersten Teil dieser Serie habe ich beschrieben, warum Hören in der Verkehrssicherheitsdebatte fast vollständig fehlt – obwohl die Risikogruppe der Verkehrstoten und die Risikogruppe für Hörminderung weitgehend identisch sind. Tödlich verunglückte Pedelec-Fahrer sind zu zwei Dritteln Senioren, und genau in dieser Altersgruppe ist Hörminderung statistisch die Regel, nicht die Ausnahme. In diesem zweiten Teil geht es um die Frage: Was folgt daraus für die Versorgung – und warum kommt sie in Deutschland so spät?

Wann fängt Hörverlust eigentlich an – und wann beginnt die Versorgung?

Die WHO-Daten unterschätzen das tatsächliche Ausmaß der Hörminderung in der älteren Bevölkerung. Was die Weltgesundheitsorganisation als „behindernd“ zählt, ist bereits ein deutlich fortgeschrittener Befund. In der Realität beginnt die Altersschwerhörigkeit – die sogenannte Presbyakusis – bei den meisten Menschen schon ab Mitte 50, manchmal früher. Sie zeigt sich zunächst im Hochtonbereich: Konsonanten wie „s“, „f“ oder „t“ werden undeutlich, das Sprachverstehen in lauten Umgebungen wird mühsam, das Hören in Gruppen anstrengend.

Eine Indikation für ein Hörgerät – also der Punkt, ab dem die Krankenkasse die Versorgung übernimmt – ist in Deutschland erst dann gegeben, wenn das Sprachverstehen in Ruhe unter 80 Prozent fällt oder das Tonaudiogramm bei mindestens einer Prüffrequenz zwischen 0,5 und 4 kHz einen Verlust von über 30 Dezibel zeigt. Zwischen den ersten spürbaren Einschränkungen und dem Erreichen dieser Schwelle können fünf, oft auch zehn Jahre liegen.

Und dann beginnt die zweite Wartezeit. Die EuroTrak-Studie 2025 zeigt: Selbst wenn die Indikation gegeben ist, vergehen im Schnitt weitere drei Jahre, bis die erste Hörgeräte-Anpassung tatsächlich stattfindet. 28 Prozent der Hörgeminderten verzichten ganz auf eine Versorgung – trotz ärztlicher Empfehlung. 64 Prozent wissen nicht, dass die Krankenkasse die Kosten für Hörgeräte mitträgt – tatsächlich ist eine Basisversorgung für gesetzlich Versicherte bis auf eine Zuzahlung von zehn Euro pro Gerät kostenfrei.

Mann und Frau auf Fahrrädern
Das Richtungshören spielt im Straßenverkehr eine wichtige Rolle. Sowohl als Fußgänger, beim Autofahren oder beim Fahrradfahren ist das Richtungshören essenziell.

Warum frühes Handeln so viel ausmacht – ein Bild aus dem Sport

Aus meiner Erfahrung in der Anpassung sind diese Wartejahre der eigentliche Verlust. Nicht, weil die Geräte später schlechter wirken würden, sondern weil unser Gehirn in der Zwischenzeit lernt, ohne bestimmte Klänge auszukommen.

Wichtig ist dabei eine Unterscheidung, die in der Beratung oft hilft. Es gibt das konzeptuelle Hörgedächtnis – die Fähigkeit, ein Geräusch als solches wiederzuerkennen. Wer einmal gehört hat, wie ein Sektkorken knallt, wie Hände aneinandergerieben klingen oder wie eine Tür ins Schloss fällt, wird das auch nach Jahrzehnten zuordnen können. Genau darauf basieren die beliebten Geräuscherätsel im Radio: Sie funktionieren, weil dieses kategoriale Hörgedächtnis ein Leben lang stabil bleibt.

Etwas ganz anderes ist die feine Wahrnehmung, die für den Alltag entscheidend ist. Das Unterscheiden von Konsonanten in einem lauten Restaurant. Das Heraushören einer einzelnen Stimme aus einem Stimmengewirr. Das Lokalisieren eines herannahenden Fahrzeugs im Stadtverkehr. Diese Fähigkeit ist trainingsabhängig. Wenn das Gehirn jahrelang keine hochfrequenten Sprachanteile mehr geliefert bekommt, weil das Ohr sie nicht mehr verarbeitet, verlernt die Hörbahn das Differenzieren. Das ist zunächst eine kluge Anpassung des Gehirns – es hat aber zur Folge, dass diese Differenzierung beim späteren Tragen eines Hörgerätes erst wieder eingeübt werden muss.

Ich vergleiche das in der Beratung gerne mit einem Profitennisspieler, der sieben Jahre nicht trainiert hat und dann wieder ein großes Match auf dem Center Court bestreiten soll. Die Bewegungsabläufe sind im Gedächtnis, die Spielintelligenz ist da – aber die Reflexe, die Präzision, das Reaktionsvermögen müssen erst wieder aufgebaut werden. Das geht, aber es dauert. Und es ist anstrengender, als wenn man dauerhaft im Training geblieben wäre. Beim Hören ist es genauso. Wer früh mit einer Versorgung beginnt, durchläuft den Trainingsprozess kaum bemerkbar. Wer zehn Jahre wartet, hat viel mehr aufzuholen.

EuroTrak-Hörstudie Deutschland 2025: Was Hörgeräte im Verkehr leisten

  • 75 % der Hörgeräteträger fühlen sich beim Fahrrad- und E-Bike-Fahren sicherer als ohne Geräte.
  • 73 % fühlen sich beim Autofahren sicherer.
  • Im Vergleich zu 2022: +9 Prozentpunkte beim Radfahren – parallel zur Verbreitung leiserer E-Fahrzeuge und leistungsfähigerer Hörgeräte.

Quelle: EuroTrak Deutschland 2025 – die größte repräsentative Hörstudie Europas (n = 13.445).

Was die Hörstudie zur Verkehrssicherheit konkret sagt

In der EuroTrak-Befragung 2025 wurden in Deutschland 13.445 Personen befragt. Drei Befunde sind für das Verkehrsthema besonders relevant: 75 Prozent der Hörgeräteträger fühlen sich beim Fahrrad- und E-Bike-Fahren sicherer als ohne Geräte. 75 Prozent fühlen sich in städtischer Umgebung allgemein sicherer, weil sie den Verkehr besser wahrnehmen. 73 Prozent fühlen sich beim Autofahren sicherer.

Drei Jahre zuvor, in der EuroTrak-Erhebung 2022, lag der Wert beim Radfahren noch bei 66 Prozent. Innerhalb von drei Jahren ist die wahrgenommene Sicherheitsverbesserung also um neun Prozentpunkte gestiegen – ein deutlicher Sprung, der mit der Verbreitung leiserer E-Fahrzeuge und gleichzeitig immer leistungsfähigerer Hörgeräte zusammenhängt.

Moderne Hörgeräte sind besser als ihr Ruf – gerade im Verkehr

Ein häufiger Einwand in meinen Beratungsgesprächen lautet: „Aber wenn ich Hörgeräte trage, verstärken die doch alles, auch den Lärm – ist das im Verkehr nicht schlimmer als gar nichts?“ Das stimmt für die Geräte der 1990er-Jahre. Für moderne Hörgeräte stimmt es nicht mehr.

Heutige Geräte arbeiten mit gerichteten Mikrofonen, automatischer Geräuschklassifikation und – in den höheren Leistungsklassen – mit KI-gestützter Szenenerkennung. Das Hörgerät erkennt, ob Sie gerade an einer Straße stehen, im Auto sitzen oder auf dem Fahrrad fahren, und passt seine Verstärkungsstrategie entsprechend an. Sprache wird hervorgehoben, Windgeräusche werden unterdrückt, Warnsignale wie Hupen oder Sirenen bleiben hörbar – ohne dass Sie selbst etwas einstellen müssen.

Bei der Anpassung achte ich genau auf solche Alltagssituationen. Ein Kunde, der viel Pedelec fährt, bekommt von mir eine andere Einstellung als jemand, der hauptsächlich zu Hause und im Restaurant Gespräche führen möchte. Genau das ist der Unterschied zwischen einem Hörgerät „von der Stange“ und einer fachgerecht angepassten Versorgung.

Was eigentlich nötig wäre

Kirstin Zeidler vom Gesamtverband der Versicherer hat in der aktuellen Debatte ein Pedelec-Training für Ältere und das freiwillige Tragen eines Helms empfohlen. Beide Vorschläge sind sinnvoll. Beide greifen aber zu kurz, solange der Faktor Hören außen vor bleibt.

Ein Pedelec-Sicherheitstraining, das Senioren beim Umgang mit den schwereren, schnelleren Rädern unterstützt, sollte konsequenterweise auch einen Hörtest umfassen – oder zumindest einen ehrlichen Hinweis darauf, dass Verkehrssicherheit zwei Sinne braucht. Wer in Deutschland einen Führerschein macht, muss einen Sehtest vorlegen. Einen Hörtest verlangt der Gesetzgeber nicht – obwohl räumliches Hören für die Verkehrswahrnehmung nachweislich relevant ist. Bei Senioren, die regelmäßig Pedelec fahren, wäre ein Hörtest aus meiner Sicht mindestens so sinnvoll wie ein Augencheck. Schon deshalb, weil eine Hörminderung im Alltag oft jahrelang unbemerkt bleibt – während ein Sehfehler über die Lesebrille meist früh auffällt.

Ich erwarte nicht, dass das morgen passiert. Aber ich finde, in einem Land, das seine Verkehrstotenzahlen ernsthaft senken will, sollte mindestens darüber gesprochen werden.

Was ich aus 20 Jahren Praxis dazu sage

Hören ist Sicherheit. Wer überlegt, ob ein Hörtest sich lohnt, sollte nicht nur an die nächste Familienfeier denken. Sondern auch an den nächsten Linksabbieger im Stadtverkehr, an die nächste Fahrradtour an der Alster, an die Sirene, deren Richtung im Bruchteil einer Sekunde einzuschätzen ist.

64 Prozent der Hörgeräteträger sagen rückblickend, sie hätten sich früher versorgen lassen sollen. Das ist die ehrlichste Zahl der gesamten EuroTrak-Studie. Ich höre sie in der Praxis oft – meist nach der ersten erfolgreichen Anpassung, wenn der Kunde merkt, was er jahrelang nicht gehört hat.

Mir geht es mit dieser Artikelserie nicht darum, einzelne Unfälle zu erklären oder Schuld zuzuweisen. Mir geht es darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Hören und Verkehrssicherheit zusammengehören. Wer früh handelt, gewinnt nicht nur Lebensqualität zurück. Er bewegt sich auch sicherer durch eine Verkehrswelt, die in den letzten Jahren leiser, schneller und komplexer geworden ist – für sich selbst und für alle anderen.

64 Prozent der Hörgeräteträger sagen rückblickend, sie hätten sich früher versorgen lassen sollen. Das ist die ehrlichste Zahl der gesamten EuroTrak-Studie. Ich höre sie in der Praxis oft – meist nach der ersten erfolgreichen Anpassung, wenn der Kunde merkt, was er jahrelang nicht gehört hat.

Über die Autorin: Evelyn Fischer ist Hörakustik-Meisterin und Geschäftsführerin von hear CUBE in Hamburg. Sie ist seit über 20 Jahren in der Hörakustik tätig und betreut Kunden an den Standorten Hamburg-Eppendorf, Pöseldorf und Ahrensburg.

Quellen: EuroTrak Deutschland 2025, durchgeführt von Anovum (Zürich) im Auftrag von EHIMA und BVHI, n = 13.445, repräsentativ • WHO Fact Sheet „Deafness and hearing loss“ • GBD 2019 Hearing Loss Collaborators (2021): „Hearing loss prevalence and years lived with disability, 1990–2019: findings from the Global Burden of Disease Study 2019“, The Lancet

Drei Generationen Hörakustik aus Hamburg

Bei hear CUBE ist das Thema Hören Familiensache. „Mein Großvater hat Hansaton in Hamburg gegründet, mein Vater war ebenfalls in der Branche, ich seit über 20 Jahren”, sagt Johannes Fischer, der das Unternehmen gemeinsam mit seiner Frau führt. „Wir kennen die Hörakustik aus drei Generationen – und wir wissen, was Hamburger Kunden brauchen: jemanden, der zuhört und sich Zeit nimmt, kein Schnellverfahren.”

 
hear CUBE Evelyn und Johannes Fischer

Das Hörvermögen kann man auch online testen

Ein Online-Hörtest ersetzt keine professionelle Messung vor Ort, kann aber sehr wohl erste Hinweise auf eine Hörminderung geben. Ein Online-Hörtest stellt eine gute Möglichkeit dar, sich bequem von zuhause aus ein erstes Bild zu verschaffen. Der hear CUBE Online-Hörtest dauert nur 5 Minuten und ist einfach durchzuführen über einen PC oder am Smartphone. Für ein exakteres Ergebnis empfehlen wir Kopfhörer.

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